WordPress 3.0 und die folgenden Sub-Releases haben deutlich gemacht, dass der Fokus nicht mehr wirklich bei der Entwicklung einer Blogsoftware liegt, sondern bei einem möglichst eierlegenden, full-flexed Content-Management-System für jede erdenkliche Art von Webseiten. Der aktuelle Zustand von WP 3.3.1 lässt sich meiner Meinung nach gut mit “Identitätskrise” bezeichnen.

WordPress ist mit jedem neuen Update umfangreicher geworden, und die Anforderungen an Theme-Entwickler sind mittlerweile enorm, gerade wenn man im offiziellen Verzeichnis bei wordpress.org gelistet werden möchte. Das ist verständlich, wollen die WP-Macher doch möglichst nur solche Themes anbieten, die die neuen Funktionen ohne Zickerei unterstützen.

Custom Headers, Custom Menus, Custom Backgrounds, Post Types, Post Formats, mehrere Widget-Bereiche, dazu umfangreiche Optionen-Seiten mit über 9000 Layout-Optionen… das alles sind Features, die heute einfach in ein WP-Theme gehören. So wird es zumindest kommuniziert.

“Schlanke” WP-Themes scheinen heute fast ausgestorben zu sein, ohne functions.php im zweistelligen Kilobyte-Bereich geht heute nichts mehr. Mich würde mal interessieren, wie viele User Post-Formate wie “audio” und “chat” wirklich nutzen. Wenn es nur einer von Tausend sein sollte, was ich für halbwegs realistisch halte, warum müssen die restlichen 999 diesen Ballast mit sich rumschleppen? (Und es sind nicht nur die Betreiber, auch jeder Besucher hat zusätzlichen, aber nutzlosen Load.)

Sollte es nicht eigentlich so sein, dass Themes vor allem das Aussehen einer Seite bestimmen, während im Einzelfall benötigte Funktionen nachträglich durch Plugins ermöglicht werden?
Ein gutes Beispiel sind die Theme-Optionen-Seiten. Diese sind oft gut gemeint, was ja bekanntlich das Gegenteil von gut gemacht ist. Prinzipiell können Nutzer ohne CSS-Kenntnisse ganz einfach Farben und Formen der Webseite bestimmen. In der Realität sieht es oft so aus, dass sich Optionen-Seiten als Spielzeughammer entpuppen: Man kann zwar irgendwie damit arbeiten, aber wenn man wirklich was ändern will sind sie eher hinderlich, weil die Funktionen mit dem zusätzlichen Layer der möglichen Nutzereingabe überzogen sind (functions.php-Hackerei statt dafür vorgesehene CSS-Befehle). In der Praxis ist ein WP-Theme ohne Optionen-Seite einfacher zu individualisieren, weil auch das umfangreichste Setting ein Stylesheet eben nicht ersetzen kann.

Hinzu kommt, dass Optionen-Seiten auch 2012 ein vergleichsweise arbeitsintensives unterfangen sind. Man schaue sich die functions.php des Standardthemes TwentyEleven an und zähle die Code-Zeilen, die nötig sind, nur um ein einfaches HTML-Colorwheel zu ermöglichen. — Themes wirken heute zunehmend wie Plugins mit angehängter style.css.

Ich würde mich über eine Diskussion zu diesem Thema sehr freuen: Was erwartet ihr ganz allgemein von einem WordPress-Theme? Wo liegen die Prioritäten, was ist euch eher egal? Was haltet ihr prinzipiell von Optionen-Seiten?
Oder anders formuliert: Was muss ein Theme heute leisten können, damit es bei euch in die engere Auswahl kommt?

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8 Kommentare zu “WordPress-Themes: Erwartung vs. Nutzung”

  • Markus

    Hallo,
    ich bin seit etwa 10 Monaten mit einem kleinen Ferienhaus-Blog vertreten. WordPress ist für mich nach wie vor eigentlich Neuland, so dass ich zu den meisten der o.g. Dinge nicht viel sagen kann, vor allen zu den technischen Details – obwohl ich CSS und HTML eigentlich ganz gut beherrsche.
    Aber insgesamt stimmt mich der Artikel nachdenklich, denn soweit ich das als WP-Anfänger und Halblaie beurteilen kann, trifft es eine empfindliche Seite von WordPress. Einige der geschilderten Probleme kenne ich bzw. kann sie gut nachvollziehen.
    Ich frage mich auch, ob die momentane Entwicklung von WP wirklich eine (userfreundliche) Weiterentwicklung in die entsprechende Richtung ist. Es sind für dieses Jahr 2 oder 3 Upgrades angekündigt, aber geht Qualität nicht vor Quantität?
    Ich zumindest habe meine Probleme bei der Umsetzung der vielgelobten Eigenschaften von WP in der Praxis. Für einen einfachen Betrieb eines einfachen Blogs reicht es sicherlich, aber individuelle Ideen zu verwirklichen, finde ich teilweise sehr schwer und aufwändig. Vielleicht liegt es aber auch an meinem “Anfängerstadium”?!
    Herzliche Grüße
    Markus

  • Simon

    Hallo Markus,

    im Gegensatz zu früher hat WordPress heute einfach keine einheitliche Nutzergruppe mehr. Jeder erwartet etwas anderes, hat andere Ziele. Das hat Auswirkungen auf die Theme-Entwicklung, weil man als Entwickler gar nicht mehr mit Sicherheit sagen kann, welche Funktionen überhaupt von welchem Prozentsatz der User benötigt werden — also packt man alles Mögliche mit rein (“viel hilft viel”), auch Funktionen, die über Plugins viel besser gelöst werden könnten. WP war mal eine Software, mit der man Blogs erstellen kann. Heute würde ich sagen, dass ein Großteil der neuen Nutzer eher ein klassisches CMS will, und die Blogfunktionen werden — wenn überhaupt — in einem News-Bereich als Unterpunkt genutzt.

  • Simon

    Noch eine Anmerkung zum Thema WordPress als CMS vs. Blog: Ab Version 3.4 wird standardmäßig eine statische Seite als Frontpage genutzt — nicht mehr die letzten Blogartikel. (Quelle)

  • Andre

    downsizing von wp-themes macht Sinn, da viele mit unnützen Code vollgepackt sind, ist validität bei den meisten ein Fremdwort. Bei einigen werden Scripts doppelt geladen etc.

    WordPress selber steht am Scheideweg: CMS oder Blog.
    Mann kann aus einem CMS ein Blog machen und aus einem Blog ein CMS. Nur aus einem unausgereiften Mittelweg her lässt sich beides nur schwer realisieren.

  • Monika T-S

    mag ja sein, dass viele Themes so aufgebläht sind,
    man selbst muss dabei doch nicht mitmachen ;)

  • Simon

    @Andre: Redundanz ist auch nochmal ein Thema für sich. WP liefert mittlerweile so viel von Haus aus mit, trotzdem binden manche Entwickler doppelt und dreifach externe Ressourcen ein. — Bei Plugins ist das fast noch schlimmer, z.B. für die Darstellung von Artikeln, Kommentaren, RSS-Feeds, Tag-Clouds usw. reicht the_widget() völlig aus.

    @Monika: Klar, man muss das alles nicht mitmachen, gerade wenn man Themes nur für ein einziges Projekt erstellt. Wenn man aber bei wordpress.org veröffentlichen will sieht das schon anders aus. (Und was heute recommended ist, ist morgen dann required).

  • Torsten

    Themes sollten nicht anfangen Funktionen zu liefern, die dann bei einem Wechsel des Themes verloren gehen. Für Sonderfunktionen sind Plugins zuständig. Themes sollen “nur” das Design liefern.
    Dazu gibt es auch einen schönen WordCamp-Vortrag. Ist gleich das erste Video.

  • Simon

    @Torsten: Für Theme-Wechsel soll es bei WP 3.4 ein paar Verbesserungen geben: Import von Einstellungen, Widgets, Menüs.

    Themes sollten eigentlich auch nicht für Title-Tags verantwortlich sein, das gehört seitenweit geregelt wie alle anderen Einstellungen.


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