Was soll ich euch noch erzählen, was ihr nicht selbst wisst rappte Samy Sorge in nihilistischer Manier gegen Ende des vergangenen Jahrtausends. So ging es mir auch, als ich mir vornahm, einen Artikel über Reddit zu schreiben. Reddit ist schließlich längst kein Geheimtipp mehr, sondern Heimat der Internet-Hipster, der cool place to be at.

Das Rennen um die Vorherrschaft in Sachen Social News hat Reddit mittlerweile gewonnen. Die Gründe dafür findet man aber weniger bei Reddit selbst, sondern mehr bei der Konkurrenz, die sich durch ständige Neuausrichtungen, Redesigns und Social Media Marketing-Verarsche nach und nach ins Abseits beförderte. Wer heute noch zu Digg geht, der kennt Reddit nicht.

Es ist kein Zufall, dass Reddit 2011 noch so aussieht wie 2005, als die Seite an den Start ging. Statt abgerundeter Ecken und spiegelnder Web 2.0-Logos haben sich die Admins mehr mit inhaltlicher Weiterentwicklung beschäftigt. Kevin Rose hat das bis heute nicht verstanden.

Reddit funktioniert wie Twitter, nur dass man statt Personen eben Themen „folgt“, die einen interessieren. Twitter und Reddit sehen dadurch für jeden Nutzer anders aus, was allerlei Komplikationen mit sich bringt. Dem Gemeinschaftsgefühl ist das natürlich abträglich, weil jeder durch die eigenen Subreddit-Abos zwangsläufig andere Dinge sieht. Auch der Blick durch Scheuklappen (la la la I can’t hear you) wird dadurch gefördert. Wer sich z.B. nicht für die Revolutionen in arabischen Ländern interessiert, der liest bei Reddit auch nichts dazu.

Natürlich lässt sich Reddit auch ohne Account und penibler Individualisierung genießen. Empfehlenswert ist das aber nicht (mehr). Die Startseite besteht aus dem kleinsten gemeinsamen Nenner, was bei Reddit Katzenfotos, Justin Bieber und It’s shit like this [company x] bedeutet.

Erstaunlicherweise bietet Reddit auch sechs Jahre nach dem Start überhaupt keine Möglichkeit, interessante Subreddits zu finden. Ein Empfehlungssystem existiert nicht, weshalb man auf externe Ressourcen wie metareddit.com oder die händisch erstellte Subredditliste bei Google Docs angewiesen ist. — Ursprünglich war mal geplant, dass Reddit auf Basis von Nutzerverhalten lernt, was den Einzelnen interessiert. Das wurde dann aber nicht weiter verfolgt und die Verantwortung wieder in die Hände der User gelegt. Mit besseren Empfehlungen hätte r/mountaingoats sicher mehr als 250 Leser.

Der große Erfolg von Reddit führt regelmäßig zur Nichterreichbarkeit der Seite. Absolut unverständlich, warum Inhaber Condé Nast die chronisch überlasteten Server und das viel zu kleine Admin-Team nicht mehr unterstützt. Bei Wired und Ars Technica, die dem Verlagshaus aus New York ebenfalls gehören, sind solche Probleme jedenfalls nicht bekannt. Reddit ist für Condé Nast so etwas wie der nerdige kleine Stiefbruder, den man nicht so richtig versteht und deshalb am besten in Ruhe machen lässt.

Mit dem Erfolg kommt die Oberflächlichkeit, oder, wie der Spell Checker hier meint: die Oberflächenrauigkeit. — Waren die Kommentare früher™ je nach Ernsthaftigkeit des Themas variabel, so sind sie heute fast flächendeckend unterhalb der Gürtellinie anzusiedeln. Memes und Puns dominieren mittlerweile selbst ernste Subreddits wie r/science. Das Problem haben sich die Nutzer natürlich selbst zuzuschreiben. Ob ein Kommentar hochgevotet wird, soll eigentlich davon abhängen, ob er zur Diskussion beiträgt. In der Realität werden Kommentare runtergevotet, wenn sie dem eigenen Weltbild nicht entsprechen, was echte Diskussionen kaum noch möglich macht.

Dieses Hivemind-Problem wird sich nicht einfach lösen lassen, besonders dann nicht, wenn Reddit immer weiter wächst. Neuen Usern kann ich nur empfehlen, die überfluteten Subreddits von der Startseite zu entfernen und sich eine eigene, rein auf Interesse basierende Seite zu basteln. Alles andere lässt sich dann auf r/all einsehen, wenn einem der Sinn danach steht.

→ Reddit, Teil 2: Karma
→ Reddit, Teil 3: Obskure Subreddits



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