Apu Nahasapeemapetilon ist völlig zu Recht geplättet. Woher kennt Homer S., oder sagen wir lieber H. Simpson, das spirituelle Konzept des Karmas?

Bei Reddit wird das Karma jedenfalls nicht vom Kosmos vergeben. Dafür sorgen die Nutzer schon selbst: Das Foto einer anthropomorphen Katze z.B. lässt den Uploader in Karmapunkten ertrinken, während Direktlinks zu Megabyte-PDFs in der Regel wenig Karma bekommen. Besonders dann nicht, wenn im PDF etwas ans Licht kommt, was dem eigenen Weltbild widerspricht.

So einfach macht es sich die Jugend von heute™. Was der Digital Na(t)ive nicht kennt, das votet er nicht hoch. Nirgendwo sonst im Web wird das so deutlich wie auf der an Oberflächlichkeit kaum zu überbietenden Startseite von Reddit.

Statt Karma hätten die Reddit-Admins auch einfach Punkte als interne Währung einführen können, aber das klingt natürlich nicht so cool. Auch die wunderschöne Beschimpfung Karmawhore für Redditor, die aus erfolgreichen Beiträgen von anderen Kapital schlagen wollen, hätte sonst nie den Einzug in unsere Wörterbücher geschafft.

Dabei gibt es gar nicht für jeden Scheiß Karma: Ein so genannter Self-post, der exklusiv für Reddit erstellt wurde, nur aus Text besteht und keinen externen Link hat, kann zwar ebenso wie andere Artikel hoch- und runtergevotet werden, doch die Karmapunkte werden dem Ersteller nicht gutgeschrieben. — Wer also übervorsichtig ans Werk geht und sich nicht des Karmawhorings beschuldigen lassen möchte, ist mit dieser Art des postens bestens bedient.

Ein weiteres Schlupfloch haben sich die Admins für das unsägliche Kifferkultur-Subreddit r/trees offen gelassen. Da es dort regelmäßig zu We-are-the-world / UPVOTE EVERYTHING-Orgien kam, hat man die Abteilung kurzerhand aus dem Karmasystem ausgeschlossen. Das weiß aber längst nicht jeder bzw. es wird gerne mal kollektiv vergessen, was wiederum sehr gut zum Stereotyp des Bob-Marley-Kiffers passt.

Karma wird mitunter auch einfach gekauft, von den Social Media-Experten dieser Welt. Was bei Digg zum guten Ton gehörte und sogar offiziell gefördert wurde, passiert natürlich auch bei Reddit, wie r/gaming in diesen Tagen mal wieder feststellen musste.

Karma, also Up- und Downvotes, werden nicht nur für Links, sondern auch für Kommentare vergeben. Hier zeigt sich die ganze Misere des Hiveminds. Es geht nicht (mehr) darum, seine Meinung zu einem Thema öffentlich zu machen, sondern den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, der am besten noch mit einem obskuren Filmzitat und einem dämlichen Wortspiel garniert wird. — Kommentare dieser Art haben eine Karma-Garantie, die fast schon unheimlich ist.

Bei manchen Themen ist ein ernste Diskussion sowieso ausgeschlossen. Als Besitzer der One-Year Club-Trophäe bin ich offiziell befugt, mich über sowas aufzuregen: Wenn in r/astronomy von einer Prüfsonde zum Uranus berichtet wird, verhält sich Reddit kollektiv wie ein 14jähriger. Das wäre alles nicht so schlimm, wenn sich die Nutzer nur ein klein wenig mehr an die Rediquette halten würden:

[Please don’t] make comments that lack content. Phrases such as „This.“, „Relevant“, „lol“, „upboat“, or „MAN THIS IS SO COOL!!!“ are not witty or original, and do not add anything noteworthy to the discussion.

Reddit ist in den letzten Monaten einfach zu stark gewachsen; der Idealzustand rückt in immer weitere Ferne. Manchen Usern ist die Seite jetzt schon zu überlaufen. Wie im ersten Artikel kann ich auch diesen nur mit der Empfehlung abschließen, die Startseiten-Subreddits mit ihren 1000-Kommentar-Threads zu verlassen und sich einen eigenen Themenmix zusammenzustellen, Karma hin oder her.

→ Reddit, Teil 1
→ Reddit, Teil 3: Obskure Subreddits

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3 Kommentare zu “Reddit, Teil 2: Karma”


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