Gestern stieß ich beim Durchstöbern semi-alter Ordner auf diesen Screenshot:
Ach ja, behaupte.es, dieses wahnwitzige Experiment, das von April bis September 2008 für Furore in der deutschsprachigen Internetlandschaft sorgte. Anonym Thesen veröffentlichen und schauen wie mainstreamig sie sind, so die Grundidee. Jeder darf mitmachen und mitvoten.
Nur die User der ersten Stunde wissen, wie schön / aufregend / lustig / geisteskrank die Anfangszeit auf behaupte.es war.
Dann, so paradox das klingen mag, wurde die Seite schlicht zu erfolgreich. Stefan Niggemeier verlinkte, die halbe Blogosphäre tat es ihm gleich, selbst ein Radiosender aus dem Schwabenland berichtete. Ich schwankte zwischen Euphorie und Überforderung.
Der Mob kam und wütete. Tag und Nacht neue Thesen, eine dämlicher und überflüssiger als die vorherige, veröffentlicht im Sekundentakt. Die Datenbank explodierte, die Seite wurde langsam, Beschwerdemails häuften sich. Der Umzug auf einen schnelleren Server brachte nur kurzzeitig Entlastung. Als dann noch hauptberufliche Trolle und Pokerspammer behaupte.es entdeckten zog ich beleidigt die Reißleine, verschwand für ein paar Wochen und resümierte dann reumütig bei blong.de, dass behaupte.es in bestehender Form nicht mehr weiterzuführen ist.
Doch woran lag es genau? Warum hat behaupte.es im Laufe der Zeit immer weniger Spaß gemacht? Was hätte ich besser machen können, sollen, müssen?
Zeit für eine Analyse.
behaupte.es wurde von Idioten überlaufen, die im Schutz der Anonymität die Seite vollkotzten.
Die offensichtliche, aber leider nur scheinbare Lösung: Nur registrierten Usern Schreibrechte geben. Der Reiz von behaupte.es lag nun aber gerade darin, dass Meinungen anonym veröffentlicht werden konnten. Mit den “richtigen” Leuten war das auch kein Problem, doch je größer und bekannter die Seite wurde, desto… na, ihr wisst ja. Zumal eine unkontrollierte Registrierung das Problem vielleicht eingedämmt, aber definitiv nicht gelöst hätte.
Eine mögliche, diskutierbare Lösung für einen Neuanfang von behaupte.es: Eine geschlossene Gesellschaft, in die man nur durch Empfehlungen von vertrauenswürdigen Mitgliedern gelangt. Klar, das hört sich elitär und hochnäsig an, aber es könnte im Fall von behaupte.es tatsächlich sinnvoll sein. Angenommene User könnten dann trotzdem (!) anonym Behauptungen aufstellen und bewerten; mit ein paar mittelschweren Eingriffen in Wordpress’ Template-System ist das ohne Weiteres möglich. So bliebe der Reiz des anonymen Behauptens erhalten, ohne dessen naheliegende Nachteile (vgl. “Luzie”).
Zudem könnte eine User-Obergrenze sinnvoll sein. Nach 100 Usern oder so ist Schluss. Wer länger nicht aktiv war muss den Account wieder abgeben. Aktivität wird mit einem Punktesystem gefördert.
Sicher wäre ein geschlossenes behaupte.es eine andere Seite als die, die ich vor einem Dreivierteljahr abgeschaltet habe. Weniger Thesen, weniger Bewertungen, weniger Kommentare, weniger Buzz: Fokus auf Klasse statt Masse (hoffentlich). Aber lieber mit wenigen Leuten etwas Interessantes und Lustiges auf die Beine stellen als Profitrollen und Spammern eine klowandartige Plattform bieten *wegduck*.
Was haltet ihr davon?








23. Juni 2009 @ 16:57
War nicht eher das Problem, dass keine Qualifizierung der Behauptungen stattfand? Die Qualifizierung könnte auf der einen Seite durch die Einsortierung (fest Kategorien, Tags) der Behauptung durch den Behaupter und die nähere Beschreibung (Mindestanzahl an Zeichen) geschehen. Zum Anderen kann eine Höherstellung einzelner Behauptungen entweder durch zustimmende Stimmen oder aber durch Stimmen insgesamt erreicht werden. Dann kann mit einer Prise Moderation eine weitere Ebene der Qualifizierung erreicht werden.
Ich bin außerdem der Meinung, dass eine Opt-in-Registrierung vonnöten ist, um Automatikspammer zu beseitigen.
23. Juni 2009 @ 17:06
Genau, Qualität war das Hauptproblem, siehe Text.
Qualifizierung gab es halbwegs durch den sog. Fokus, in den manuell Thesen durch mich oder Frank eingetragen wurden.
Die von dir angesprochenen Lösungen laufen auf das Modell “Nur Thesen ab +5 anzeigen” hinaus, was den Müll nur verstecken, nicht aber beseitigen würde. Ich bin aber nicht die Familienministerin.
Registrierung wäre durch ein Empfehlungs- oder Bürgensystem nicht Opt-in, sondern Zwang.
23. Juni 2009 @ 17:16
Wahrscheinlich sehr aufwändig, wenn überhaupt möglich: Das Twittermodell, in dem jeder Behauptungen aufstellen kann, aber lesen müssen es nur die, die dem Behaupter folgen. Ist aber wahrscheinlich nur über 20 Umwege über eigene Autorenaccounts und RSS-Feeds oder so zu machen (als ob ich wüsste, wovon ich gerade rede).
Jedenfalls wäre ein Comeback von behaupte.es grandios.
23. Juni 2009 @ 17:28
Hört sich gut an. Hätte Laconica ein Ja-Nein-Bewertungsplugin, das mit Googles Chart API o.ä. zurecht kommt… schön wär’s.
23. Juni 2009 @ 19:43
Eins vorweg. Ich würde mich über eine Neuauflage von behaupte.es sehr freuen. Die Anfangszeit war wirklich verdammt lustig, interessant, wahnwitzig und herrlich.
Ich würde auch eher ein geschlossenes System aufbauen. Zwar sperrt man damit sehr viel Spontanität und Kreativität aus, zum Glück aber auch das ganze Getrolle, die nervtötenden “nachts ist es kälter als draußen” Wiederholungen und den handelsüblichen Spam.
(Übrigens kommen immer noch ab und an Google-Sucher mit “behaupte.es” auf meinen Blog ;) )
23. Juni 2009 @ 20:18
Ja, zu mir auch :-) Es wird wohl wirklich vermisst.
23. Juni 2009 @ 22:15
Die Suchanfrage “seite wo man alles schreiben kann” fasst ganz gut zusammen, warum behaupte.es scheitern musste.
Ich hab das Template der Seite noch hier rumfliegen, designtechnisch ist also alles da, nur das Postratings-Plugin müsste ich anpassen, da gibt’s mittlerweile v1.5, die Anzahl der Ja- und Nein-Voter auflisten kann das aber immer noch nicht von Haus aus.
23. Juni 2009 @ 22:31
Ein paar lose Gedanken von mir, die zum Teil in eine andere Richtung tendieren. Zuerst mal: Ich glaube an das behaupte.es-Konzept, ich glaube sogar nach wie vor, dass das ein Riesending sein könnte, gegen dass so manche Startup-Idee ärmlich aussieht. S. und ich trauern heute noch um den Sitedown. Auch in meinem Blog schlagen noch Suchanfragen nach behaupte.es auf.
* Ich hatte ja mal die Idee, aus dem Code, den Plugins, dem Theme usw. aus behaupte.es ein großes Open Source-Paket zu schnüren und frei zur Verfügung zu stellen. Wenn das jemand aufgreifen würde, wären wir Ex-Admins zumindest mal von der teils recht frustrierenden Administrationsarbeit befreit. Auch eine englische Version wäre auf diese Weise vorstellbar (War claim.it eigentlich noch frei?). Das ist zumindest eine Option.
* Einen großen Reiz von behaupte.es machte die niedrige Schwelle aus, mit der man eigene Behauptungen aufstellen konnte. Ich bin eher gegen ein Modell, bei dem die Anzahl der User limitiert ist. Wer sagt denn, dass in dem großen Sauhaufen da draußen (vulgo: Welt) nicht auch noch eine Handvoll anderer geistreicher Behaupter herumlungert?
Ich zkizziere an der Stelle mal kurz eine Konzeptidee: Wie wäre es mit einem Kompromiss — Die erste Behauptung kann ein User frei abliefern, danach wird Cookie- und IP-basiert vom System ermittelt “Aha, der User hat schon mal behauptet” und eine Aufforderung zum Anmelden/Registrieren eingeblendet. Das ist zwar nicht völlig sicher, aber 99% der User haben keinen Schimmer, wie sich das System mit vertretbarem Aufwand umgehen lässt.
Vielleicht wäre es sinnvoll auf der Startseite nicht die neuesten Behauptungen darzustellen (-> geringerer Spam-Anreiz, höherer Wettbewerb um “gute” Thesen), sondern ein neues Bewertungssystem einzuführen. Daumen hoch/Daumen runter oder Textlinks “geniale These”/”Spam-These” unter jeder These, anonyme Abstimmung möglich. Wenn eine These mindestens 5x öfter “genial” als “Spam” erhalten hat, wird sie auf der Startseite angezeigt. Das Alter der These könnte auch mit einfließen: 2 Stunden werden gewichtet wie einmal Daumen runter o.ä., damit sich der Inhalt auf der Startseite auch ändert.
Die Neuzugänge aller Behauptungen werden hingegen per eigenem Punkt in der Navigationsleiste sowie eigenem RSS-Feed ausgeliefert. Das ist dann die Startseite für die echten Junkies. Redaktionell könnte und müsste man trotzdem weiterarbeiten. Der “Fokus” z.B. war perfekt für sowas.
* WordPress war für den Anfang gut und hat sich bei behaupte.es darin bewährt, auch abgefahrene Problemstellungen zu meistern. Als die Seite groß wurde hat sich jedoch gezeigt, dass WP an seine Grenzen stieß, sowohl leistungstechnisch als auch was die Administration anging. Eine bestimmte IP zu blockieren war zum Beispiel ein Akt vor dem Herrn, ganz zu schweigen davon, alle Posts von der betreffenden IP zu löschen. Ich finde, da müsste ein erfahrener PHP- und SQL-Programmierer ran und ein komplett neues System zusammenzimmern, dass gleichzeitig performant, leicht zu administrieren und flexibel für Erweiterungen ist (z.B. eine Funktion “andere User, die diese These mochten fanden auch gut” wie bei Amazon, hehe…). Schieße ich da mit Kanonen auf Spatzen? Na, man muss ja nicht immer nur kleine Brötchen backen. :)
* Dazu gehört auch, dass ich finde, behaupte.es sollte man (besser) monetarisieren. Die Seite ist so schnell bekannt geworden, dass es uns alle verblüfft hat. Wären wir vielleicht etwas konsequenter dabeigewesen, wenn wir täglich 10, 20 Euro Einnahmen von Google AdSense gehabt hätten? Vielleicht. Ist das ein Kurs, der uns Vulgärmarxisten komisch erscheint? Vielleicht. Ich finde aber, behaupte.es hat einen Fußabdruck hinterlassen und wird so schmerzlich vermisst, dass man darüber auch mal nachdenken sollte. We all need something for a living.
24. Juni 2009 @ 01:13
Ok, ich hab den Rechner zum falschen Zeitpunkt ausgemacht. :)
Open Source: Alle Bestandteile von behaupte.es waren und sind frei und kostenlos verfügbar; ich hatte die Quellen ja im behaupte.es-Footer sauber aufgelistet. Was würde es *uns* bringen, das als Paket zum Download anzubieten? Wordpress kann sich das leisten, weil sie selbst mit wp.com das stärkste Angebot haben. Reddit gibt den source code auch nur frei weil sie wissen, dass die ganzen Klone dem Original nicht gefährlich werden können. Wo wäre unser Vorsprung, zum jetzigen Zeitpunkt?
Darauf hoffen, dass sich ein Programmierer erbarmt und uns die Frickelei abnimmt, können wir lange.
Userbegrenzung: Warum ich behaupte.es 2.0 (sorry) eher kleiner statt größer machen will ist im Artikel wohl deutlich geworden. Wenn wir wieder jeden reinlassen wiederholt sich die Geschichte 1:1. Den Lifestream von der Startseite zu verdrängen ist Symptombekämpfung. Wie oft möchtest du in deinem Leben noch lesen, dass es nachts kälter ist als draußen? Von den Luzie-Trollen ganz zu schweigen. Die kommen doch dann alle wieder aus ihren Löchern. Ich hab da keine Lust drauf, ehrlich.
Zweite Bewertungsebene: Hätte ich sehr gerne! Nach dem Bewerten eine kurze Frage, ob die These gut war… wunderbar. WP bietet in dieser Richtung genau ein für den Produktivbetrieb geeignetes Plugin: WP-Postratings. Das brauchen wir für die Ja-Nein-Bewertungen. Zwei Instanzen des Plugins parallel laufen zu lassen geht nicht. — Es gibt Dutzende Bewertungsplugins für WP, ich habe für behaupte.es alle getestet. Für dein Szenario brauchen wir Pagination, Loop-Integration etc. und es muss mit Tausenden, später Hunderttausenden Werten ($values) zurecht kommen. WP-Postratings schafft das zu 90%, andere Plugins nicht.
Wordpress oder nicht: Jedes andere CMS hätte bei den Datenmengen auch schlapp gemacht, da bin ich mir sicher. Ein für Geld von einem Profi erstelltes Framework skaliert ja nicht automatisch besser als ein System, das seit Jahren entwickelt wird, zumal sämtliche Funktionen die WP hat dann nachgebaut werden müssten; ohne den riesigen Plugin-Fundus. Hast du mal 5.000€?
Eben, ich leider auch nicht. Wordpress war unter den gegebenen Umständen (kein Geld) die richtige Entscheidung, das sage ich ganz ohne Fanboytum. :)
Monetarisierung: behaupte.es war eine Website ohne Thema, was ungefähr die schlechteste Voraussetzung für’s Geld verdienen ist. Und wer klickt 2009 noch auf Google-Anzeigen? Internetaffine behaupte.es-Stammgäste sicher nicht.
Auf diesem Wege ist mit behaupte.es kein Geld zu machen.
Warum also den Stress, die Arbeit, die Trolle auf sich nehmen? Um zu sehen, wie sich die Geschichte wiederholt?
Tut mir Leid wenn ich jetzt zu jedem deiner Punkte ein Contra gegeben habe, deine Meinung ist mir ja sehr wichtig.
Es läuft doch darauf hinaus: Wenn wir kein Geld haben und nicht selbst programmieren können, müssen wir mit gegebenen, freien Mitteln auskommen. Ein geschlossenes behaupte.es ist damit drin, groß rauskommen leider nicht.
24. Juni 2009 @ 22:55
Machen! Einfach machen! Ich behaupte es das es ein erfolg werden wird.
25. Juni 2009 @ 11:13
Ich wäre dabei! Würde es gut finden, wenn man sich dann mit OpenID / Twitter / Facebook einloggen könnte :)
10. Juli 2009 @ 23:27
geil wär’s scho. Alleine Steile Thesen zu produzieren ist bei weitem nicht so lustig.
mfg,
busenwunder
18. Juli 2009 @ 19:08
Ich stimme Frank zu. Beschränkungen sind nicht so das wahre und für Pluralität und Lebhaftigkeit nicht gerade förderlich. Denn die 100 Leute, die du reinlassen willst, haben irgendwann ihre Thesen aufgebraucht. Das sie dann, nachdem sie mit behaupte.es “fertig” sind, noch eine Einladung/Empfehlung an jemand anderen vergeben, ist unwarscheinlich. Totgeburt also.
Das Problem war meiner Meinung nach, wie Frank schon anmerkte, das Bewertungssystem. Ein Abwertung mit mehr als nur “JA” und “NEIN” hatte ich glaube ich damals schon vorgeschlagen, wobei da dann einfach noch eine Option “SPAM” hinzugefügt wird. Wenn dann z.b. mehr als 4 Bewertungen vorliegen und davon 3 “SPAM” sind, könnte die These automatisch gelöscht werden. Das könnte man evtl. sogar mit einer Funktion ausdrücken, die z.B. bis auf 25% “SPAM”-Bewertungen bei steigender Bewertungsanzahl runtergeht, d.h. das zum Beispiel eine These, mit 100 Bewertungen gelöscht wird, wenn 50% “SPAM”-Bewertung haben, bei 1000 Bewertungen aber nurnoch 25% “SPAM”-Bewertungen bräuchte, um zu löschen. Oder sowas in der Art.
Eine Bewertungsoperation “SPAM” würde vielleciht auch die Administration erleichtern, falls man nach “SPAM”-Zustimmungen sortieren könnte.
Auch die Startseiten-Idee, finde ich auch nciht schlecht, alelrdings nicht in der Form. Es würden dann ja nur Thesen erscheinen, die viel Zustimmung erhalten. Ich würde eher ALLE “heiße” Thesen einblenden lassen, also die, die innerhalb kurzer Zeit viele Bewertungen bekommen haben. Dadurch hätte man die beliebtesten Sachen auf der Startseite, was natürlich zur Popularität zuträglich wäre. Thesen, die schon viele interessant fanden, werden auch noch mehr interessieren.
Das Problem “viele Thesen mit gleichem Inhalt” könnte man mit Textscannern bearbeiten, evtl sogar mit Hilfe von Google (wenn das deren AGB’s erlauben, kann ja sein, das ein exzessiver gebrauch der Suchmaschine verboten ist) in dem man einfach die gegebene These auf behaupte.es sucht. Oder besser noch (da google ja nicht so oft die Seite indiziert): Die lokale Thesendatenbank durchsuchen, was natürlich mehr an eigener Rechenpower brauchen würde. Obwohl..so viel vielleicht auch nicht, wenn man aus den Thesen einen Trie machen würde. Kontextsensitiv ist das zwar nicht, aber besser als nüscht.
Ähnlich würde es vielleicht helfen, wenn man es zur Pflicht macht seine These mit Tags zu versehen. Die würden dan inhaltliche Ähnlichkeiten auch lecihter identifizierbar machen.
Macht behaupte.es! Ich hab’ es geliebt.
26. Juli 2009 @ 11:08
Hm, wo ist mein Post…?!
Egal, ich bin auch für eine Wiederbelebung von behaupte.es!!!
P.S.: Die geniale These da oben, war übrigens von mir :-/
27. Juli 2009 @ 16:21
Ich behaupte mal: “Seit es behaupte.es nicht mehr gibt, ist die Welt um einiges ärmer geworden.” Also schleunigst wieder in Betrieb nehmen!